#KWS #History: #Stadtgeschichte #Gütersloh – Fett für die kleinen Leute und Labore im Trichinenraum – die vergessenen #Margarinewerke an der Friedrichstraße
#Gütersloh, 21. Juli 2026
Dass die heutige Gütersloher #Stadthalle ein Ort der Kultur und Begegnung ist, weiß jeder. Wo heute Konzerte und Tagungen stattfinden, rauchten einst die Schlote der Gütersloher Margarinewerke – ein Areal, das in den 1920er Jahren Schauplatz einer ungewöhnlichen Symbiose aus #Lebensmittelproduktion und staatlicher #Wissenschaft wurde.
Vom #Gerstensaft zum #Speisefett
Die Geschichte des Geländes an der Friedrichstraße begann industriell im Jahr 1868 mit der traditionsreichen Brauerei #Plange. Als diese im frühen 20. Jahrhundert dem Druck der #Großbrauereien weichen musste, standen die weitläufigen Hallen leer. In den wirtschaftlich turbulenten Jahren nach dem #Ersten #Weltkrieg zog neues Leben ein: Die Gütersloher Margarinewerke übernahmen den Komplex.
Margarine erlebte damals einen beispiellosen Boom. Als günstiger Ersatz für die teure Butter galt sie als das »Fett der kleinen Leute« und wurde zum Grundnahrungsmittel der stark anwachsenden Gütersloher #Arbeiterschaft.
Das #Mikroskop im #Trichinenraum
Das staatliche #Veterinärwesen suchte damals händeringend nach Räumlichkeiten für ein neues Untersuchungsinstitut. Der Platz fand sich mitten in der Fabrik: Mit Genehmigung des Regierungspräsidiums #Minden wurden moderne #Labore eingerichtet – und zwar exakt in den Räumen, die zuvor von der Brauerei und lokalen #Fleischwaren #Akteuren zur Untersuchung auf #Trichinen (#Fadenwürmer im #Fleisch) genutzt worden waren.
Die Berliner #Optik #Firma #Leitz berechnete für die Laborausstattung – vom #Mikroskop bis zur #Handzentrifuge – die stolze Summe von 1.679,10 Goldmark. Die lokalen Fleischwarenhersteller der Region erkannten den Wert dieser Qualitätskontrolle vor Ort und steuerten einen Zuschuss von 1.700 Mark bei. Am 1. Juni 1925 nahm das staatliche Labor inmitten der laufenden Margarineproduktion seine Arbeit auf.
Der dunkle Bruch und der finale Abriss
Die industrielle Ära endete mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933. Der NS Apparat erkannte sofort den strategischen Wert der zentralen Hallen. Die Fabrik wurde beschlagnahmt und radikal zur politischen Infrastruktur umgebaut: Das Gelände diente fortan als zentraler Versammlungsort der Hitlerjugend und weiterer Parteiformationen in Gütersloh.
Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte die Stadt die weitläufigen Hallen jahrelang als Allzweck Gebäude für #Lager und #Verwaltung. Ein Teil der Bausubstanz an der #Barkeystraße wurde schließlich abgerissen, um Platz für die Paul Thöne Halle zu machen, aus der später das #Theater hervorging. Im Jahr 1967 fielen schließlich auch die allerletzten Klinkermauern der alten #Brauerei und #Margarinefabrik. Der Weg war frei für den Bau der heutigen Stadthalle.
Innerhalb von nur einem Jahrhundert wandelte sich das Areal vom industriellen Produktionsort über ein düsteres NS Zentrum hin zum modernen kulturellen Mittelpunkt der Stadtgesellschaft.
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Foto: Karla-Wagner-Stiftung, Informationen zu Creative Commons (CC) Lizenzen
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