#KWS #History: #Stadtgeschichte #Gütersloh – Brief »Das tolle Jahr 1848 in #Gütersloh«

  • »Der Verfasser glaubt die Beschreibung der Vorgänge von 1848 seinen Mitbürgern nicht vorenthalten zu dürfen. Jede Erneuerung der alten Gegensätze ligt im fern, im Gegenteil wünscht er nichts sehnlicher, als dass die nationalen Parteien stets gute Fühlung mit einander behalten.«
Die großen intellektuellen und politischen Bewegungen der 1820er und 1830er Jahre hinterließen auch in unserer ruhigen Kleinstadt Spuren. Der Ruf nach einer #Verfassung, #Pressefreiheit und anderen damaligen Leitbegriffen erreichte nach und nach selbst die entlegensten Regionen des Landes. Die Menschen hofften allgemein, dass diese Veränderungen eine neue, glanzvolle und bessere Epoche einläuten würden. Aus heutiger Sicht betrachten wir das nüchterner. Man kann es den Generationen vor uns jedoch nicht verübeln, dass sie fest daran glaubten.

Die lähmende #Bürokratie nach den Befreiungskriegen sowie die #Unterdrückung jeder freien #Meinungsäußerung führten in der #Bevölkerung zu großem #Hass und #Frust. Diese angespannte Stimmung hätte nur durch kluge politische Entscheidungen beruhigt werden können. Doch genau an solch entschlossenen und weitsichtigen Maßnahmen fehlte es der Regierung in den 1840er Jahren.

In Gütersloh lebte damals eine #tiefgläubige #Bevölkerung, die der preußischen Regierung treu ergeben war. Die Bürger waren froh, dem politischen Fleckenteppich der vielen Kleinstaaten entkommen zu sein und nun zu einem größeren Staat zu gehören. Obwohl sich im Grunde alle Bürger eine Verfassung wünschten, bevorzugte die Mehrheit einen friedlichen Reformweg und wollte den Konflikt mit der Regierung vermeiden.

#Zeitungen gehörten damals noch nicht zum Alltag der breiten Bevölkerung. Nur wenige politisch interessierte und gebildete Menschen verfolgten die Ereignisse aufmerksam. Als der #Osnabrücker #Bürgermeister Dr. Stüve im benachbarten #Königreich #Hannover liberale Ansichten gegen die dortige, rückschrittlich-feudale Regierung äußerte, reagierten einige Gleichgesinnte aus Gütersloh. Darunter waren der Justizkommissar Groneweg und der Arzt Dr. Stohlmann. Sie schickten ihm einen Lobesbrief und schenkten ihm als Zeichen ihrer Sympathie ein großes Fass #Wein (ein »Ohm«). Dieser Wein wurde ausgewählt, weil Stüve kurz zuvor, am 6. Februar, bereits einen Ehrenpokal aus der Region Hadeln und Bremen erhalten hatte. Als Motto für ihr Begrüßungsgedicht wählten die Gütersloher Unterstützer ein Zitat des römischen Dichters #Horaz: »justum ac tenacem« (»aufrecht und beharrlich«). Stüve bedankte sich bei den Absendern mit dem folgenden bemerkenswerten Brief …

»Sehr überraschend, Hochgeehrte Herren, war mir die freundliche Zuschrift mit dem Ehrengeschenke von deutschem Weine, die Sie mir übersendet haben. – Ich bin einmal von Hause aus ein #Westfale, also für Äußerlichkeiten und Schein jeder Art wenig gemacht, und was mich irgendwo mehr als die Not erfordert in den Vordergrund stellt, wird mir leicht zuviel. Dazu bin ich mit Einem der Sieben von #Göttingen der Meinung, daß es für unsere Zeit kein gutes Zeugnis gibt, wenn man von Dingen so viel redet, die unsern Vätern weder groß noch herrlich, sondern als bloße Pflicht erschienen sein würden.

Wenige Male hat mich in früheren Jahren mein Weg die seit 1818 leider verödete Straße geführt, auf der der freundliche Wohlstand Ihres Wohnortes in der Stille des Heid und Buschlandes einen willkommenen Ruhepunkt gibt. Der Überrest uralter Verhältnisse sowie der Verkehr, der denselben vormals mit Osnabrück verband, ist in den Kriegen und Staatshandlungen unserer Tage zu Grunde gegangen. Sie sind Preußen geworden, ich Hannoveraner, und es liegt leider viel Fremdes in den Worten, viele Besorgnis, viel Mißtrauen. Ist doch auch in unsere trüben Schicksale durch bedeutende Männer Preußens mehr und anders eingewirkt, als gut ist.

Es hat mich oft traurig gemacht, wie seit Jahrhunderten in Deutschland alles zur Zerstückelung fortgeschritten ist, wie selbst die größern und geordneteren Massen seit 1815 nur die Abgeschlossenheit und Entfernung nähren, wie die alten Erinnerungen und Verbindungen erloschen, und in dem erst phantastischen, dann bedenklichen Treiben der Jugend sich wohl eine Empfindung des Übels aber wahrlich kein Heilmittel zeigte. Ich hatte gehofft, daß unsere Sache ein Gefühl der Einheit herstellen könnte, wenn der Bundestag durch kräftigen #Rechtsschutz zeigte, daß der Grund alles deutschen öffentlichen Rechts und somit aller Gedanken und Richtung des Volkes, die Verantwortlichkeit der Fürstenmacht vor einem höheren Richter, wenigstens einigermaßen bestehe. Diese Wendung ist nicht eingetreten; Gottes Wege sind dunkel.

Und dennoch ist auf einmal wieder hervorgetreten, daß wir ein Volk sind, daß wir ein Recht haben und daß das Unrecht, das einem geschieht, von allen gefühlt wird. Nicht durch die äußere Einheit der Staatsform, in der die großen Staaten, die mittleren und die kleinen so gar verschiedene Augenmerke verfolgen, sollen wir, wie es scheint, zunächst verbunden werden; sondern erst soll die innere Einheit, das Gefühl Wurzel schlagen, daß wir Brüder sind, trotz Grenzpfahl und Zollbretter, die uns den geraden Weg zueinander sperren, und daß die Namen Preußen, Hannoveraner, Sachsen, Bayern, Württemberger, Hessen, und wie man sie nennen will, nur die Glieder eines Leibes bezeichnen, jedes mit eigentümlicher Kraft und Ehre, aber alle durch einen Geist beseelt.

Diese Gedanken knüpfen sich an Ihr Geschenk. Welche Wege sie führen, das zu sagen geht über meine Einsicht. Aber so gewiß der Geist sich die Form schafft, so gewiß Eintracht auch Macht gibt: so gewiß deuten sie auf einen großen Umschwung der Geschichte unseres Vaterlandes. Sei der Erfolg unsers Verfassungsstreits, welcher er wolle, es wird die Zeit kommen, wo die, welche denselben hervorgerufen und verlängert haben, erkennen werden, daß beschränkte Gereiztheit eine Entwicklung zuwege gebracht hat, die durch kleinliche Dämme und Hemmnisse nur gewaltiger angeschwellt, der Zukunft unseres Vaterlandes die Richtung geben wird.

Ich habe keinen höhern Wunsch als den, daß die Fürsten Deutschlands diese Entwicklung erkennen und ihre Führung nicht von sich weisen. Gewohnt, die Dinge an die Geschichte anzuknüpfen, finde ich einen Zeitpunkt, wo der Volksgeist in Deutschland gewaltig drängte. Alles strebte zur Einheit, und deutsche Städte beherrschten die Küsten der Nord und Ostsee. Weil aber die Fürsten fremd und fern blieben, bildete sich kein fester Grund; und als eine Bewegung andrer Art das Volk später dem Mittelpunkt des Kaisertums entfremdete, versank diese Größe gänzlich, und ein Bürgerkrieg, den der in den Hauptstädten Westfalens geschlossene Friede noch nicht endigte, hat Deutschlands Ehre gebeugt bis zu fremder Knechtschaft. Seitdem ist ein anderer Tag angebrochen. Die Zeit verspricht noch reiche Blüten: aber der Sturm droht auch von Osten und Westen. Möge der Geist der Eintracht über uns walten, damit Deutschland seine Stunde nicht abermals versäume!

Unsere Sorge ist es auch, den gerechten Streit also zu führen, daß Deutschlands Fürsten zu ihren Völkern wieder ein Herz und Vertrauen fassen. Ohne Preußen aber und gegen dessen Willen kann Deutschland sein Ziel nicht erreichen. Und Preußen kann nur dann groß sein, wenn es in Kraft und Reichtum geistigen Lebens den Völkern Deutschlands wahrhaft vorgeht. Finge es an auf dem Ruhme seiner Vergangenheit zu schlummern, erneuerte sich Selbstüberschätzung und bloßer Materialismus, hielte es den Bund mit Rußland und Österreich höher als die Verehrung Deutschlands, die seine Könige in den beiden Glanzpunkten seiner Geschichte so hoch emporgetragen, stürbe es gar ab in den schielenden, hochmütigen Theorien, die in seiner Hauptstadt sich so breit hervorgetan und nicht weniges Gewicht auch bei Gewaltigen erlangt haben; käme es also dahin, daß in den kleineren Staaten mehr wahres Geistesleben sich fände als in Preußen, dann hat die Stunde des Unheils geschlagen für Preußen und für ganz Deutschland!

Lassen Sie mich schließen. Der Worte werden leicht zuviel; wo wir uns aber auch begegnen mögen, da bitte ich Sie, meines Danks und meiner Hochachtung gewiß zu sein, und mir Ihr Wohlwollen zu erhalten.«

Osnabrück, auf Mittesommer 1840.

B. Stüve.

An die Herren Dr. med. #Stohlmann, Kaufmann Plange, Kaufmann #Köhne, Cand. theol. #Welpmann, Gutsbesitzer #Groneweg, #Apotheker Groneweg und Justiz #Kommissar Groneweg in Gütersloh.

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