Aufgrund vergangener Vorkommnisse

#Gütersloh, 3. Februar 2026

Der Brief war kurz. Er begann ohne Anrede und endete ohne Unterschrift. Dazwischen stand ein einziger Satz: »Aufgrund vergangener Vorkommnisse können wir Ihrem Anliegen derzeit nicht entsprechen«. S. las den Satz zweimal. Dann ein 3. Mal, langsamer. #Vergangene #Vorkommnisse.

S. versuchte sich zu erinnern. Nicht an etwas Bestimmtes – nur daran, ob es überhaupt etwas gab. Ein Gespräch vielleicht. Eine E Mail. Ein falscher Ton. Eine Bemerkung, die jemand missverstanden haben könnte. Nichts fiel S. ein. S. rief an. Die Nummer war korrekt, die Stimme freundlich. »Was genau sind diese vergangenen Vorkommnisse?«, fragte S.

Eine kurze Pause. Dann: »Dazu kann ich Ihnen nichts sagen.«

»Warum nicht?«

»Das liegt an den vergangenen Vorkommnissen.«

S. machte sich eine Notiz. Nicht, weil sie helfen würde, sondern weil das Gefühl entstand, etwas festhalten zu müssen, bevor es verschwand. Am nächsten Tag versuchte S. es erneut. Eine andere Stimme, gleicher Tonfall. »Können Sie mir wenigstens sagen, wann diese Vorkommnisse stattgefunden haben?«

»Das ist nicht vorgesehen.«

»Was ist vorgesehen?«

»Dass wir uns auf den aktuellen Sachstand beziehen.«

»Und der lautet?«

»Aufgrund vergangener Vorkommnisse.«

S. legte auf. In den folgenden Tagen bemerkte S. kleine Veränderungen. Eine Einladung kam nicht mehr. Eine Anfrage blieb unbeantwortet. Ein Termin wurde »aus organisatorischen Gründen« abgesagt. S. fragte nach. Man blieb höflich. Bedauernd. Verständnisvoll. »Sie müssen das nicht persönlich nehmen.« S. fragte sich, wie man etwas anderes nehmen sollte, das ausschließlich S. betraf.

Abends begann S., das eigene Verhalten zu überprüfen. Gespräche. Nachrichten. Begegnungen. S. suchte nach Fehlern, nach Unschärfen, nach Stellen, an denen ein anderer Ton, ein anderes Wort möglich gewesen wäre. Je länger S. suchte, desto größer wurde die Lücke. Eines Morgens stellte S. fest, den Satz selbst zu benutzen. »Warum meldest du dich nicht mehr?«, fragte jemand. »Ach«, sagte S., »aufgrund vergangener Vorkommnisse.« Es klang richtig. Fast beruhigend.

S. merkte, dass der Satz alles erklärte und nichts verlangte. Keine Rechtfertigung. Keine Erinnerung. Keine Verantwortung. Später fragte sich S., ob es die Vorkommnisse jemals gegeben hatte – oder ob sie erst durch den Satz entstanden waren.

S. schrieb einen Brief. Kurz. Sachlich. Ohne Anrede. »Ich bitte um Mitteilung, welche vergangenen Vorkommnisse Sie meinen.«

Die Antwort kam schnell. »Aufgrund vergangener Vorkommnisse sehen wir von einer weiteren Korrespondenz ab.«

S. faltete den #Brief sorgfältig zusammen. Zum ersten Mal verstand S.: Der Satz war kein Hinweis auf die #Vergangenheit. Er ersetzte sie.

#NOW #KWS #ROSA #OWL #GT