#NOW #Kommentar: Die #Angst vor der #Abhängigkeit – warum #Kooperation in #Gütersloh schwerfällt

#Gütersloh, 17. September 2026

Gütersloh redet gern über #Netzwerke. Über #Kooperation. Über #Synergien, #Partnerschaften, lokale #Wirtschaftskreisläufe und darüber, dass man gemeinsam mehr erreichen könne als allein.

Nur sollte man dabei möglichst nicht wirklich voneinander abhängig werden.

Das klingt zunächst widersprüchlich. Ist es auch. Und doch begegnet einem in Gütersloh immer wieder ein bemerkenswertes Verständnis von #Zusammenarbeit: Wer dauerhaft etwas für einen anderen tut, wird nicht unbedingt als Partner wahrgenommen. Irgendwann scheint vielmehr die Sorge aufzutauchen, man könne von ihm »abhängig« sein.

Dabei ist gegenseitige Abhängigkeit keine Fehlfunktion von Kooperation. Sie ist #Kooperation.

Der #Bäcker braucht den #Müller, der #Händler seinen #Lieferanten, ein #Unternehmen seinen #Steuerberater, eine #Redaktion ihre #Fotografen und eine #Institution jemanden, der ihre #Internetseite betreibt. Moderne #Gesellschaften funktionieren gerade deshalb so gut, weil nicht jeder alles selbst machen muss.

In einer funktionierenden Kooperationskultur lautet die Interpretation: Wir ergänzen uns.

Man kann dieselbe Situation allerdings auch vollkommen anders betrachten: Der andere kann etwas, das ich nicht kann. Er verfügt über #Wissen, #Kontakte oder #Infrastruktur, die ich brauche. Also bin ich von ihm abhängig. Und #Abhängigkeit bedeutet #Kontrollverlust.

Dann wird aus Zusammenarbeit plötzlich ein Problem.

Lieber 150 Kilometer entfernt als 500 Meter nebenan

Vielleicht erklärt das eine Eigenart, die in Gütersloh zumindest auffällt: Leistungen werden erstaunlich selbstverständlich außerhalb der Stadt eingekauft. Die Agentur darf gern in #Münster, #Osnabrück, #Trier, #Hamburg, #Berlin oder sonstwo sitzen. Hauptsache, sie befindet sich nicht unbedingt nebenan.

Natürlich gibt es für jede einzelne Vergabe vermeintlich sachliche Gründe. #Spezialisierung, #Preis, #Ausschreibungen, bestehende #Verträge, #Erfahrung. Aus einzelnen Fällen lässt sich keine Gütersloher Gesetzmäßigkeit konstruieren.

Interessant wird es aber, wenn daraus ein Muster entsteht.

Denn psychologisch hat der Dienstleister in 150 Kilometern Entfernung einen gewaltigen Vorteil: Er ist sozial weit weg.

Man kennt ihn nicht vom #Dreiecksplatz. Er sitzt nicht bei derselben #Veranstaltung. Er kennt nicht seit 20 Jahren dieselben Leute. Er verfügt über keine eigene Position im örtlichen Gefüge. Es gibt Auftrag, Leistung und Rechnung. Danach steht der soziale Saldo wieder bei null.

Der örtliche Partner ist komplizierter.

Mit ihm entsteht eine #Beziehung.

Das #Paradox der kostenlosen Hilfe

Besonders interessant wird es, wenn Leistungen gar nicht bezahlt werden.

Der Kunstverein Gütersloh ist dafür ein persönliches Beispiel. Seit 2003 stellte ich ihm kostenlos die technische Plattform für seinen Internetauftritt zur Verfügung. Die Verantwortlichen hatten selbst Zugang zum #Backend und pflegten ihre Inhalte selbst. Von einer redaktionellen Kontrolle durch mich konnte also keine Rede sein.

Irgendwann war die Website trotzdem einfach weg.

Keine vorherige Mitteilung. Kein Gespräch über Probleme. Keine formulierten neuen Anforderungen. Kein Konflikt. Keine Bitte um eine Übergabe. Ich bemerkte irgendwann zufällig, dass unter der #Domain inzwischen eine andere #Website lief.

Bemerkenswert daran war nicht, dass ein #Verein irgendwann sein technisches System wechselt. Bemerkenswert war die Art, in der eine rund 15 jährige Zusammenarbeit beendet wurde: indem sie nicht beendet wurde. Sie verschwand einfach.

Gerade kostenlose Hilfe kann dabei ein eigenartiges psychologisches Problem erzeugen.

Wer eine Rechnung bekommt, kann sie bezahlen. Leistung erbracht, Gegenleistung erbracht, fertig.

Wer dagegen über Jahre etwas bekommt, ohne dafür eine Rechnung zu erhalten, kann daraus #Dankbarkeit entwickeln. Er kann aber auch etwas ganz anderes empfinden: eine diffuse #Verpflichtung. Das unangenehme Gefühl, dem anderen etwas zu schulden.

Und ausgerechnet Großzügigkeit kann dann als Machtgefälle interpretiert werden.

Die einfachste Möglichkeit, dieses Gefühl loszuwerden, besteht irgendwann nicht darin, sich zu revanchieren.

Sondern darin, denjenigen loszuwerden, dem man sich verpflichtet fühlt.

#Nähe wird mit #Macht verwechselt

Dahinter könnte ein grundlegendes #Missverständnis stecken.

Wer mit jemandem lange zusammenarbeitet, kennt dessen Fähigkeiten. Man ruft ihn an, wenn etwas nicht funktioniert. Er kennt wiederum die eigenen Abläufe, Schwächen und manchmal auch die handelnden Personen.

Das schafft #Vertrauen – aber eben auch #Bindung.

Wer Bindung vor allem unter dem Gesichtspunkt der eigenen #Autonomie betrachtet, kann darin irgendwann eine #Bedrohung erkennen: Was machen wir eigentlich, wenn der nicht mehr will? Warum weiß nur der, wie das funktioniert? Sind wir nicht viel zu abhängig von ihm?

Die naheliegende Antwort wäre Professionalisierung: Zugänge dokumentieren, Zuständigkeiten verteilen, Vertretungen schaffen, Verträge schließen.

Die weniger naheliegende Antwort lautet: Partner austauschen.

Und besonders attraktiv ist dann der auswärtige #Dienstleister. Von ihm ist man objektiv keinen Deut weniger abhängig. Manchmal sogar erheblich mehr.

Aber die Abhängigkeit fühlt sich nicht nach Abhängigkeit an.

Sie ist anonymisiert. Aus der persönlichen Beziehung wird eine #Kundennummer. Aus gegenseitiger Verpflichtung wird ein Vertrag. Aus #Nähe wird #Distanz.

Und Distanz fühlt sich nach #Autonomie an.

#Netzwerke ohne #Bindung gibt es nicht

Damit landet man bei einem hübschen Widerspruch.

Seit Jahren werden überall »#Netzwerke« gegründet. Institutionen wollen sich »vernetzen«, #Wirtschaftsförderer wollen »#Akteure #zusammenbringen«, Projekte sollen »#Synergien schaffen«.

Doch ein Netzwerk besteht nicht aus Logos auf einer #Powerpoint #Folie.

Ein wirkliches Netzwerk entsteht erst dann, wenn Menschen und Organisationen tatsächlich etwas voneinander brauchen. Der eine weiß etwas, der andere kann etwas, der Dritte kennt jemanden. Jeder gibt etwas hinein und bekommt etwas heraus.

Ein Netzwerk ohne gegenseitige Abhängigkeiten ist kein Netzwerk.

Vielleicht wäre deshalb ein anderer Begriff von #Unabhängigkeit hilfreich. Unabhängig ist nicht, wer niemanden braucht. Einen solchen Menschen und eine solche Organisation gibt es ohnehin nicht. Unabhängig ist, wer seine Beziehungen so gestaltet, dass er in ihnen handlungsfähig bleibt. Dann muss man denjenigen, mit dem man seit Jahren gut zusammenarbeitet, nicht vorsorglich auf Distanz bringen. Man könnte etwas für Gütersloh geradezu Revolutionäres versuchen: zusammenarbeiten.

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